Das war wohl die verrückteste Aktion, die ich in meinem Leben bisher unternommen habe. Zehn Stunden im Wasser, sechs davon Unterwasser. Gemeinsam mit vier Tauchern haben wir mein Klavier in einem Hallenbad in Bad Kreuznach versenkt, um mein neues Musikvideo zu meiner Single „Moody“ zu verfilmen.

Es war im Februar 2020 als wir uns mit unserem Filmteam den Lichtschreibern aus Nürnberg trafen, um den Musikvideodreh zu „Headphones“ von meiner Band „A Purple Sky“ zu planen. Schon die ganze Woche hatte ich eine Frage, die ich unbedingt der lieben Dhana stellen wollte und die der Beginn einer unglaublich verrückten Aktion und der Startschuss für mein wohl bisher größtes Projekt werden sollte.


Hier geht’s zu „Headphones“ von meiner Band „A Purple Sky“

Ich konnte mal wieder nicht schlafen und bin deshalb mitten in der Nacht baden gegangen. Da ich es liebe mir meine Demos beim Spazierengehen anzuhören dachte ich, vielleicht passt es ja auch hier zum entspannen und um im Kopf schon etwas weiterzuschreiben. Daher habe ich mein Handy neben mich gelegt und die Skizze zu Moody laufen lassen, die ich am Vormittag am Klavier aufgenommen hatte.
Ich habe  mich in einer Welt Unterwasser wiedergefunden. Der Text war damals noch nicht ganz fertig und mich hat die Vorstellung einer Person nicht mehr losgelassen, die ihre vermeintlich große Liebe verlassen muss, weil sie sich als toxischer Alptraum entpuppte. Eine Mischung aus Zorn und Liebe, das waren die Grundemotionen mit denen ich begonnen habe an diesem Stück zu arbeiten. Mein neuer Song sollte launisch werden.

Als ich Dhana fragte dachte ich, sie würde nein sagen und mir die Idee aus dem Kopf schlagen. Aber falsch gedacht! Sie hat direkt super entspannt gesagt, „Ja klar können wir das machen. Sowas habe ich schon mal gemacht, dass ist gar kein Problem. Dafür brauchen wir nur ein spezielles Case für die Kamera, sowas kann man sich leihen.“
Ich bin aus allen Wolken gefallen und habe mich unglaublich gefreut, jedoch dachte ich das ich dann ja auch einen Taucher brauche, sowie passendes Equipment, ein Schwimmbad… Die Liste in meinem Kopf wurde immer länger.
Allerdings kam es erst einmal anders, als geplant. So ganz anders.

Nachdem wir mit unserer Band „A Purple Sky“ vom 6.-8.03.20 den Release von „Journey Pt.I“ feierten, wurde alles geschlossen und wir erlebten den ersten großen Lockdown. Ich hatte plötzlich so viel Zeit, so viel Stress ist von mir abgefallen. Tatsächlich habe ich mich erst einmal über die freie Zeit gefreut, weil ich dazu tendierte mich chronisch zu überarbeiten und durch den Lockdown einfach mal nichts machen konnte. Weder meine Chöre, noch den Unterricht in der Musikschule konnte ich fortsetzen. Ich war an mein Haus und mein kleines Home-Studio gebunden.

Die gewonnene Zeit wollte ich nutzen und da wir auch nicht proben konnten und mein geliebtes Bandprojekt somit auf Eis gelegt wurde dachte ich mir, „Das ist ein Zeichen!“
Also habe ich mich jeden Morgen mit einem Kaffee an mein Klavier gesetzt und begonnen zu schreiben und zu schreiben. Mein Soloprojekt sollte auch meinen Klavierkompositionen einen Platz geben und auch meinen Zeichnungen. Nach und nach kam allerdings auch der Frust dazu, die Isolation erinnerte mich stark an mein letztes Studienjahr.

Ich war unglaublich einsam, zu der Zeit hatte ich extreme Entzündungen in meinem Rücken, in meinen Armen und im Zwerchfell. Mir hatte einfach alles wehgetan und ich konnte weder Zeichnen, Klavier spielen noch ordentlich singen. Und damit war ich ganz alleine in einer Stadt voller Fremder. Sämtliche dieser Eindrücke wollte ich in meinen kommenden Stücken verarbeiten, um endlich damit abschließen zu können. An eine Veröffentlichung hatte ich damals noch nicht gedacht. Ich hatte es mehr wie einen Tagebuch Eintrag eingestuft. Ein Projekt nur für mich alleine, um mich von der Last, die mich schon viel zu lange begleitete, zu befreien.

Ich wusste damals also noch nicht, dass dieses große Projekt entstehen wird. Genauso wie bei Infinite hatte mir auch Moody sehr gut gefallen. Diese Songs waren anders als alles, was ich zu der Zeit bisher geschrieben hatte. Zu Beginn hatte ich noch stark überlegt, sie in unserem Bandprojekt „A Purple Sky“ einzubauen, allerdings passten weder die Harmonien, noch die Art und Weise wie ich die Stücke arrangieren wollte zu unserem bisherigen Image. Ich habe es schon immer geliebt mir verschiedene Charaktere für Geschichten auszudenken und wollte unbedingt eine andere Facette von mir zeigen. Mein Soloprojekt „Marliina“ war geboren.

Im Mai 2020 hatte ich zusammen mit meinen Freunden Manuel und Julia Skupin bei unserer Freundin Katja im Pool das Tauchen geübt. Es war ein wundervoller Nachmittag. Wir haben Kaffee getrunken, gegrillt und fünf Stunden im Wasser verbracht. Mit Blei haben wir uns auf den Grund des niedrigen Pools gesetzt und geübt mit und ohne Taucherbrille Unterwasser zu singen. Es war wichtig, dass ich meine Augen offenhalten konnte und keine Angst bekam, wenn ich das Mundstück aus dem Mund herausnahm. Beim Singen durfte ich nicht wirklich singen, da sonst sehr viele Blasen vor mein Gesicht geschwommen wären und ich direkt keine Luft mehr gehabt hätte. Im Video sollte ich Unterwasser ganz natürlich aussehen, wie aus einer anderen Welt. Das bedeutete, dass ich weder eine Taucherbrille, noch ein Mundstück tragen sollte und bei sämtlichen Takes unglaublich entspannt sein müsste.

Der Look für dieses Projekt stand damals noch nicht und ich hatte überlegt ob es vielleicht auch cool aussehen könnte, wenn überall Schläuche im Wasser hängen würden. So ein bisschen wie bei Matrix oder Alien, irgendetwas Futuristisches. Allerdings sahen die Pläne der Instrumentierung so klassisch aus, dass dieses Sci-Fi Thema hier nicht gepasst hätte.
Im Juli 2020 begannen dann die Tonstudioaufnahmen.

Nach eineinhalb Jahren Lockdown schrieb mich Dhana von den Lichtschreibern an und fragte mich, ob ich denn noch nach einem Schwimmbad suchen würde und ob wir die Aktion noch umsetzen wollen würden. Wir hatten durch die strengen Hygienevorschriften nicht die Möglichkeit in ein Schwimmbad hineinzukommen. Um ehrlich zu sein hatte ich den Traum von diesem Video bereits aufgegeben. Plötzlich eines Morgens dachte ich mir dann, „Nein, ich rufe jetzt einfach überall an und frage einfach mal ganz frech nach.“
Unter den verschiedenen Einrichtungen, bei denen ich angerufen hatte, war auch ein Nordseeaquarium aus Dänemark dabei. Wäre ich eine Berufstaucherin, hätte ich sogar in dieses Becken zu den Haien und dem Mondfisch springen dürfen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich das hätte machen können, da so ein Mondfisch unglaublich riesig ist und ich wahrscheinlich Angst bekommen hätte, da ich allgemein auch Angst im Wasser habe.

Beim zweiten Anruf hatte ich Glück, es war ein Unterwasserfotograf. Er erzählte mir, das Hallenbad in Bad Kreuznach solle abgerissen werden und das schon in zwei Wochen. Wir könnten nächste Woche rein. Da ging mir der Puls hoch. Es war schon schwierig wenige Monate im Voraus zu planen, da die Lichtschreiber immer sehr ausgebucht waren. Direkt habe ich Dhana und Lucas angerufen und gefragt, ob das klappen könnte. Dhana erzählte mir, sie hätten in zwei Wochen ein freies Wochenende, da würde es gehen. Und so legten wir den Termin fest. Direkt rief ich Manu und Julia an, ob sie Zeit hätten und mit dem passenden Equipment vorbeikommen könnten. Auch die liebe Elmas Bagci rief ich an, ob sie mich schminken könnte, allerdings war sie bereits verplant. Lucas schlug mir daraufhin jemanden vor und zwar die liebe Charlotta Jessenberger, die mir ein wundervolles Unterwasser Make-Up auftragen sollte.

Jetzt fehlte nur noch ein Kostüm. Ich hatte vorher noch nie ein Kostüm für einen Dreh genäht, vielleicht mal etwas kleines für Fasching, aber nichts fürs Wasser. Es durfte nicht zu schwer sein, damit ich nicht einfach darin untergehen würde. Nach einigen Tagen hatte ich mich für einen stahlgrauen Body und ein türkisfarbenes Tuch entschieden, welches ich hinten an den Body dran nähen wollte. Es war 1,5x6m lang. Hierbei unterstützten mich meine Eltern. Meine Mutter nähte den Saum und befestigte die Seiten, während mein Vater sich um die Falten am Rücken kümmerte.
Dann überkam mich noch eine Schnapsidee, ich dachte an Instrumente. In der Aufnahme sind Cello, Klavier, Geige und Marimba zu hören. Da es zu kurzfristig war ein ganzes Ensemble zu organisieren, welches wir versenken könnten, dachte ich, ich bestelle mir eine günstige Geige. Gesagt getan, dann dachte ich, so ein Klavier wäre natürlich der Oberhammer und rief Stefan, den Unterwasserfotografen an, um ihn zu fragen ob wir das machen dürften. Ein Klavier wiegt mindestens 250kg, die Frage war wie wir es ins Becken und anschließend wieder hinaus bekommen könnten. Er sagte mir zu das wir eins im Becken versenken dürften und das es beim Abriss auch entsorgt werden würde. Eine Sorge weniger! Nur wo ich eins herbekommen sollte, das wusste ich noch nicht. Also rief ich meinen Klavierstimmer an, der empfahl mir das Piano Haus Piano Palme in Friedberg. Ich konnte einen Klaviertransport ausmachen und die netten Mitarbeiter lieferten das Klavier direkt vor das Becken, in dem es anschließend versenkt werden sollte.

In der Woche vor dem Dreh kamen unglaublich viele Pakete an. Ich hatte Spiegelgranulat, Tinte, die Geige, verschiedene Stoffe zum nähen und auch zwei Wasserpistolen bestellt. Hinzu kam die spontane Idee mein Logo in meine neue Geige zu fräsen. Mit einem Dremel und einem Kaffee habe ich mich raus in die Sonne gesetzt und mein Logo, meinen Künstlername und den Name des Songs in das Holz eingearbeitet. An einigen Stellen habe ich den Lack mit Schleifschwämmen abgeschliffen und war am Ende sehr zufrieden mit meinem Werk.  
Als Schmuck wollte ich eine Bernsteinhalskette tragen, die ich aus Lederbändern, einem alten Schlüsselring und einem Bernstein, den ich im September 2019 in Dänemark gefunden hatte, basteln.

Wenige Tage vor dem Dreh wurde ich dann immer aufgeregter. Ich träumte oft, wie ich in ein Becken voller Haie springen sollte, wie ich Unterwasser saß und die Lichtreflexionen an der Wasseroberfläche beobachtete, das ich Unterwasser atmen könnte… Und dann war es endlich soweit. Am 5.6.2020 um halb acht morgens sind wir aufgestanden um nach Bad Kreuznach zu fahren und die Air BnB’s zu beziehen und anschließend zum Team ins Schwimmbad zu kommen.

Nachdem wir die Wohnungsschlüssel eingesammelt hatten, kamen wir im Schwimmbad an, wo uns Stefan Nerbas, der Unterwasserfotograf, begrüßte. Mit dabei waren seine Frau und seine Tochter, die schon einige Unterwassershootings gemacht hatte und mir mit Tipps zur Seite stand.  Es war unglaublich warm im Hallenbad, was super war, da nun die Angst vorm stundenlangen Frieren geschmälert wurde. Unsere guten Freunde Fabian und Tobias Emmert trafen zusammen mit Charlotta Jessenberger ein. Sie wollten uns helfen das Klavier ins Wasser zu befördern und am Set assistieren.
Als das Klavier ankam und reingebracht wurde meinte einer der Mitarbeiter, dass wir uns mit den Aufnahmen beeilen müssten, bei denen ich spielen sollte. Die Holztasten würden sich mit Wasser vollsaugen und man könnte sie dann nicht mehr runter drücken.

Dhana und Lucas trafen ein, mit dabei Kaspar Wetsch der sich den ganzen Tag und die ganze Nacht um Making Of Aufnahmen kümmerte. Direkt starteten wir mit dem Aufbau. Dhana und Lucas kümmerten sich um die Positionierung des Lichts während die anderen eine 10x16m lange Teichfolie mit Gewichten am Beckenrand befestigten. Diese sollte als Hintergrund dienen, damit niemand ein Hallenbad dahinter vermuten konnte.

Manuel und Julia kamen mit ihrem Tauchequipment dazu und wiesen Dhana und mich ein. Es war 19Uhr als ich mein Kostüm anzog und wir ins Wasser sprangen. Manu befestigte sein zweites Mundstück an einem Holzstab, um es mir später schneller reichen zu können. Wir hatten uns viele Gedanken gemacht, wie ich wohl am besten Unterwasser Musik hören könnte, um meinen Song ordentlich performen zu können. Leider ging die erste Idee schief, ich hatte Kopfhörer besorgt, mit denen man angeblich Unterwasser Musik hören konnte. Nachdem die erste Idee verfiel, musste Plan B herhalten. Basti besorgte sich einen Topf und einen Löffel, um mir Unterwasser den Takt angeben zu können. Ich brauchte 133bpm um exakt auf meine Aufnahme spielen zu können. Da ich nun kein richtiges Playback hatte, musste ich mich ganz genau daran erinnern, wie ich meinen Song eingespielt und gesungen hatte. Leider funktionierte die Idee mit dem Top nicht so gut, also suchte sich Basti eine Eisenstange und trommelte auf das Geländer der stählernen Treppe. Das war Unterwasser hervorragend zu hören, auch wenn es etwas nach einem Sample aus einem Horrorfilm klang.



Zusammen stiegen wir nun in das Becken. Das Wasser war angenehm warm, in dem Body konnte ich mich sehr gut bewegen, ich musste nur gut aufpassen, dass sich meine Beine nicht in dem langen Stoff verknoteten. Um das Licht einzustellen sollte ich zusammen mit Manu an die Stelle tauchen, wo das Klavier hingestellt werden sollte. Er gab mir das zweite Mundstück seiner Flasche. Ich hakte mich bei ihm ein und zusammen tauchten wir am Boden entlang hinab in die Tiefe. An der einen Seite war das Becken flacher und senkte sich bis zu 3,5m ab. Genau zu dieser Stelle tauchten wir.
Ich hatte keine Taucherbrille auf und sah so nur verschwommen die türkisenen Kacheln des Beckenbodens. Durch den hellen Scheinwerfer schien alles zu leuchten, die kleinen Wellen der Wasseroberfläche tanzten als Schatten eines wunderschönen Musters über den Grund. Ich musste mich darauf konzentrieren nur durch den Mund zu atmen und nicht durch die Nase und entspannte mich langsam, bis wir die schwarze Teichfolie erreichten. Um mich herum wurde alles ganz dunkel, ich verlor direkt die Orientierung wo oben und wo unten war. Insgesamt schwammen nun vier Taucher um mich herum, drückten mich weiter Richtung Boden und zupften an dem langen Stoff an meinem Rücken herum. In diesem Moment hatte ich Angst bekommen. Mit beiden Händen hielt ich mich an dem Mundstück fest und schloss die Augen. Ich wusste mir würde nichts passieren doch die Teichfolie schluckte alles an Licht, ich fühlte mich sehr unwohl. Nach einigen Minuten durften wir auftauchen. Basti saß am Beckenrand und reichte mir seine Hand, ich habe extrem stark gezittert. Er fragte mich, „Ist das Wasser so kalt?“, und lachte, doch ich schüttelte nur den Kopf. Das Wasser war warm und angenehm, es war diese schwarze Dunkelheit unter mir, die mir zu schaffen machte. So sehr, dass ich zitterte. Er half mir aus dem Wasser und ich erzählte ihm von meiner Furcht, dass ich das jetzt aber ganz schnell vergessen müsste, da alle nur wegen mir gekommen waren und ich das jetzt durchziehen würde.

Die liebe Charlotta rief mich zu sich und wir gingen ein Stockwerk nach oben, um mich zu schminken. Ich hatte mir vorher noch einen Teller mit einen Haufen Keksen mitgenommen, da ich noch nicht so viel gegessen hatte und die nächsten Stunden Unterwasser verbringen sollte. Eingepackt in dem Bademantel meiner Mutter sind wir nach oben gelaufen und Charlotta begann damit, mich zu schminken. Ich war immer wieder beeindruckt was eine professionelle Visagistin so alles an Make-Up mitbrachte. Sie hatte Steine dabei, wo wir mir einen auf die Brust geklebt hatten und vier weitere an mein Schlüsselbein klebten. Am Schluss hatte sie mir noch einen glänzenden Puder auf die Haut und mein Kostüm gestreut, ich habe richtig geleuchtet! Als wir fertig waren sind wir wieder nach unten gelaufen, um das Klavier in Position zu bringen. Das ganze Team hatte Seile und verschiedene Luftpolster um das Klavier herumgebunden.

Was glaubt ihr, schwimmt ein Klavier, oder geht es unter?

Wir waren zu elft vor Ort und alle waren der Meinung, es würde definitiv untergehen. Alle bis auf Dhana. Sie sagte es würde definitiv schwimmen, wenn man mal an das ganze Holz denken würde. Wir waren uns ganz sicher, es würde untergehen. In jedem Klavier wird ein Gussrahmen verbaut und die sind unglaublich schwer.
Vorsichtig legten Fabi, Tobi, Lucas und Basti das schwere Klavier auf den Rücken und schoben es langsam über den Beckenrand. Fabi und Tobi hatten die Seile die das Klavier halten sollten um ihre Schultern gelegt. Ich weiß noch genau, wie ich daneben stand und befürchtete, das Klavier würde beide einfach mit ins Wasser reißen und ebenfalls versenken. Allerdings kam es etwas anders, als erwartet. Es schwamm auf dem Rücken. Wir dachten, es müsse sich nur mit genügend Wasser füllen und würde anschließend schon untergehen. Manu, Julia und Lucas setzten sich auf das Klavier, um es nach unten zu drücken. Es wollte einfach nicht untergehen.
Zum Glück hatte Stefan die rettende Idee. Er tauchte mit zwei großen Saugnäpfen nach unten und befestigte diese am Boden. Mit mehreren Gewichten und Seilen konnte das Klavier nun an den Grund gezogen werden. Es dauerte eine Weile, bis es sicher befestigt wurde, einmal löste sich einer der Saugnäpfe, doch nachdem wir noch mehr Gewichte an und in das Klavier gehängt hatten, hielt es. Zudem befestigten wir einen Hocker am Boden, auf den ich mich setzen konnte. Als alles aufgebaut war, war es endlich soweit. Ich durfte zusammen mit Manu hinuntertauchen.

Als ich ins Wasser stieg versuchte ich an alles, nur nicht die Dunkelheit zu denken, die mich dort unten erwarten sollte. Für die ersten Takes sollte ich nur spielen, das bedeutete, dass ich das Mundstück behalten durfte. Ich hakte mich wieder bei Manu ein, nahm mein Mundstück und schloss die Augen. Gemeinsam tauchten Julia, Dhana, Manu und ich runter zum Klavier. Dhana mit der großen Kamera in einem Spezialgehäuse, Julia kümmerte sich darum, das der Stoff nicht vor die Kamera schwamm und sich hinter mir schön verteilte und Manu schaute das ich immer gut Luft bekam und hielt mich an den Schultern fest und unten im Wasser. Am Klavier angekommen hielt ich mich unter dem Klaviaturboden fest und zog mich weiter nach unten. Der Auftrieb war viel stärker, als ich gedacht hatte. Eigentlich war der Hocker dazu gedacht, mich draufzusetzen und mit den Beinen daran festzuhaken, allerdings funktionierte es gar nicht. Mit dem rechten Bein stützte ich mich von unten an den Klaviaturboden. 

Meinen ganzen Körper musste ich anspannen, um nicht nach oben zu treiben, da ich die Hände zum spielen brauchte.  Es dauerte einige Minuten mich einzurichten. In der Ferne hörte ich das stählerne Schlagen des Taktes, die Tasten sah ich nur verschwommen vor mir. Meine Angst war wie weggeblasen, es war komisch, doch das Klavier löste in mir eine tiefe Ruhe aus. Dhana gab mir ein Handzeichen, dass wir starten wollten, um ein paar Testläufe aufzunehmen. Es war schwierig sie zu sehen, wenn ich die Augen zusammenkniff ging es etwas besser. Doch das Spielen viel mir schwer, die Tasten hatten sich bereits mit dem Wasser vollgesaugt. Mit den Fingerspitzen versuchte ich zu fühlen, wo sich genau die zwei schwarzen und wo sich die drei schwarzen Tasten befanden, um mich orientieren zu können. Manu hielt mich an den Schultern fest, damit ich nicht so einen starken Kraftaufwand hatte, um unten zu bleiben. Nach einigen Minuten tauchten wir auf, um uns zu besprechen.
Dhana erklärte mir ein paar Handzeichen, wenn sie die Hand drehte sollte ich den Take wiederholen und wenn sie den Daumen nach oben zeigte, dann könnten wir weitermachen. Da wir kein Playback hatten sollte ich mich von Anfang an durch den Song hangeln. Ich durfte eine Taucherbrille anziehen, da wir am Anfang nur meine Hände filmten, was das spielen Unterwasser um einiges erleichterte. Als wir die Takes zu meinen Händen hatten, tauchten wir wieder auf. Ich musste kurz in die Maske um zu schauen, ob noch alles saß, während sich Dhana und Lucas besprachen und Manu, Julia und Stefan kurz Pause machten.

Dann ging es wieder ins Wasser und an den Gesang. Manu, Julia und ich waren vorher noch einmal ins seichtere Wasser geschwommen um nochmal zu üben, wie ich Manu das Mundstück zurückgeben sollte und was ich tun musste, um es wiederzubekommen. Mit der flachen Hand sollte ich auf meinen Hals tippen und schon reichte er mir das Mundstück, welches er mit Panzertape an einem langen Stab befestigt hatte.
Immer ein bis zwei Verse der Strophe sollte ich singen. Wenn sie gut waren ging es weiter, wenn etwas nicht passte, wurde der Take wiederholt. Manchmal sah man die Hand eines Tauchers oder der Stoff schwamm vor die Kamera. Ich sang immer nur so weit ich kam, „Forbidden to pass the sill I just jumped over“, kurzes Handzeichen, Atmen, zu Dhana schauen ob alles gepasst hatte oder ob ich es wiederholen sollte. So hangelten wir uns durch den Song. Dadurch das wir kein Playback hatten, dauerte alles viel länger. Immer wieder tauchten wir auf um kurz Pause zu machen, dann wieder hinunter in die 3,5m Tiefe. Zwischendurch bestellten wir Pizza, die wir ganz gemütlich im Wasser und am Beckenrand aßen.  Während wir Unterwasser nur die stählernen Schläge hören konnten, hörte das restliche Team Überwasser Electro Swing. Es war immer unglaublich witzig wieder aufzutauchen, der Kontrast dieser kalten Welt Unterwasser und der Party Stimmung Überwasser war super!
So langsam hatten wir uns als Team Unterwasser eingespielt, Dhana machte große Bewegungen, damit ich sie besser sehen konnte und Manu reichte mir immer sehr zuverlässig die Luft zum atmen. Doch plötzlich kam keine Luft mehr aus meinem Mundstück. Mit einem Handzeichen gab ich Manu Bescheid, dass etwas nicht stimmte und im nächsten Moment machten wir einen Notaufstieg. Die Flasche war nach 45min leer. Wir hatten so konzentriert gearbeitet, dass es uns nicht aufgefallen war. Noch einige Male tauchten wir hinab, um den Song zu beenden, es war bereits mitten in der Nacht und wir hatten noch einiges vor uns. Wir drehten Close-Ups meiner Hände, meines Kopfes, wie ich den Song sang, die Totale, wo auch das Klavier zu sehen war und wie ich mit den Fingern über die Tasten strich, das Klavier öffnete und wieder schloss um zum Schluss wieder aufzutauchen. Für die Totale musste ich spielen und singen, Manu versteckte sich hinter dem Klavier. Ich drückte mich mit dem Knie so gegen den Klaviaturboden, das ich nicht auftauchen konnte. Dabei musste ich möglichst entspannt aussehen, was definitiv eine kleine Herausforderung war. Irgendwann bekam ich immer beim Auftauchen Nasenbluten und wir schlossen die Arbeiten am Klavier ab.

Dhana und Lucas lösten das Piano und filmten, wie es wieder zur Oberfläche hinaufstieg, filmten Luftblasen und wie ich an der Wasseroberfläche schwamm.

Um die restliche Bridge zu filmen wollte Lucas, dass ich frei im Wasser schwebe.  Es war mittlerweile halb fünf morgens als Dhana und Kaspar das Licht umbauten, um eine Stelle im seichteren Wasser auszuleuchten. In der Zwischenzeit filmten Lucas, Tobi und Fabi die Geige, die ich extra zu diesem Zweck bearbeitet hatte. Mit einem Sandsack positionierte ich mich im Wasser, dieses Mal ohne Taucherflasche. Überwasser holte ich tief Luft, tauchte nach unten und verhakte meine Füße in einer Schlaufe an dem Sandsack. Ich war ziemlich müde und musste mich stark konzentrieren, nicht ausversehen einzuatmen. Mit der Geige in meinen Armen filmten wir die letzten Takes, wobei die Tinte zum Einsatz kam, die ich vorher bestellt hatte. Allerdings war der Effekt Unterwasser nicht ganz der, wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Das hätte mehr Zeit in Anspruch genommen, da die Sonne aber bereits wieder aufging, riefen wir zum Drehschluss aus.  

Um die zehn Stunden hatten wir im Wasser verbracht, um die sechs davon Unterwasser. Meine pinke Haarfarbe war komplett ausgewaschen. Während die anderen ihr Equipment zusammenpackten, wusch ich mir das Chlorwasser aus meinem Kostüm und meinen Haaren. Sehr happy aber auch sehr erschöpft fuhren wir zu unseren Unterkünften, wo bereits wieder nach drei Stunden der Wecker klingeln sollte.

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